Skip to main content (Press Enter)

Öffnungszeiten des Sekretariats während der Ferien 27.07.-04.08. und 04.09.-08.09. von 09.30 Uhr bis 12.30 Uhr telefonisch. Zeugnisse, die wegen fehlender Bücher etc. zurückgehalten wurden, können ab Do. 27.07. bis 11.00 Uhr abgeholt werden.

Kooperationsprojekt des Schönbuch-Gymnasiums und der Heinrich-Harpprecht-Förderschule

„Vorsicht! Gleichnisse können dich umdrehen und auf den Kopf stellen.“

Zwischen Förderschülern und Gymnasiasten gibt es im Schulalltag – und nicht selten auch in der Freizeit - gewöhnlich kaum Berührungspunkte. In den vergangenen vier Wochen aber, während des Kooperationsprojekts Förderschule/Gymnasium, wurden mit der Unterrichtseinheit „Gleichnisse - das Himmelreich ist wie …“ im Rahmen des Evangelischen Religionsunterrichts festgefahrene Grenzen überschritten. 30 Schülerinnen und Schüler der Klasse 6b/c des Gymnasiums und 11 der Klassen 4-6 der Förderschule trafen sich ganz unkonventionell in der Bibliothek des Schönbuch-Gymnasiums, um hier in einem geschützten Umfeld gemeinsam zu lernen.

Vorausgehende vorbereitende Gespräche in beiden Gruppen zeigten einerseits großes Interesse und gespannte Vorfreude, legten andererseits aber auch Ängste und Vorurteile auf beiden Seiten offen und begegneten ihnen.

 

Schon äußerlich steht alles Kopf. Man verlässt die übliche Unterrichtssituation, die vertraute Lerngruppe und einige auch den gewohnten Lernort. Insbesondere für die Schüler der Heinrich-Harpprecht–Schule kommt es anfangs einer kleinen Mutprobe gleich, sich mit einer dreimal so großen Klasse an einer fremden Schule mit weitaus höherer Schülerzahl auf neues Terrain zu begeben. Doch genau für diesen Mut zollen ihnen ihre Lernpartner vom SGH Respekt und heißen sie herzlich willkommen. Bereits die erste Begegnung steht im Zeichen gegenseitiger Wertschätzung. Beide Gruppen zeigen bei den Kooperationsspielen großes Engagement. Die genannten Vorurteile und Ängste sind rasch abgebaut und ein Gymnasiast resümiert am Ende der Stunde: „Wenn ich nicht gewusst hätte, dass sie auf die Förderschule gehen, ich hätte das nicht geglaubt.“ Dieser Eindruck vertieft sich in der nächsten Stunde, die das Thema Vorstellungen vom Himmelreich hat, noch mehr. Beim meditativen Malen nach Musik entstehen Bilder, die eine sehr tiefgründige Auseinandersetzung mit der Thematik spiegeln. Das zeigt auch eine Evaluation am Ende der Unterrichtseinheit, in deren Zusammenhang eine Schülerin der Förderschule äußert: “Mir gefällt alles über das Himmelreich.“

„Vorsicht! Gleichnisse können dich umdrehen und auf den Kopf stellen.“ Das wird in den folgenden Stunden des Projekts deutlich: Die beinahe 2000 Jahre alten Unterrichtsinhalte drehen manche jüngere Regel um und stellen scheinbar unverrückbare Gesetzmäßigkeiten unserer Zeit auf den Kopf: „Ebenso werden die Letzten einmal die Ersten sein und die Ersten die Letzten.“ (Mt.20,16) Die nur scheinbaren Paradoxien der Reich-Gottes-Botschaft in Gleichnissen stellen unsere Welt auf den Kopf, ohne weltfremd zu sein, denn sie hinterfragen die Werte einer Leistungs- und Ellbogengesellschaft und weiten den Blick für eine andere Gerechtigkeit: Jeder wird belohnt, unabhängig davon, wie viel er geleistet hat. Jeder wird genommen, so wie er ist und mit dem, was er kann. Wichtig ist nur, dabei zu sein, mitzumachen. Gott übertrifft damit alle Erwartungen.

 

Gleichnisse vermitteln Hoffnung. Wie das kleine Senfkorn zur großen Staude wird, so können unscheinbare Anfänge eine viel versprechende Wirkung haben. Wie die unterschiedlichsten Vögel in ihr Wohnraum und Geborgenheit finden, so auch die unterschiedlichsten Menschen in Gottes Reich. Dem korrespondiert in gewisser Weise auch die Erfahrung der heterogenen Lerngruppe aus Förderschülern und Gymnasiasten, die zweierlei deutlich werden ließ: Alle finden Raum, keiner bleibt außen vor - und Vielfalt bereichert.

 

Den Höhepunkt des Kooperationsprojektes bildete eine groß angelegte, für sieben Lerngruppen ausgerichtete Freiarbeit zum Senfkorngleichnis in Anlehnung an eine Fortbildung zum Thema „Inklusives Lernen“ von Dr. Wolfhard Schweiker (PTZ Birkach). Hier werden vielfältige Lernausgangslagen durch vielfältige inklusive Methoden berücksichtigt. Trotz Individualisierung, Binnendifferenzierung und offenen Unterrichtsformen wird das gemeinsame Lernen an einem Lerngegenstand deutlich. So geht der Freiarbeit die Präsentation des Gleichnisses mit anschließendem Theologisieren in der Gesamtgruppe voraus. Verschiedene Zugangsformen (kreativ, kognitiv, erlebnisorientiert, handlungsorientiert, etc.) tragen der Heterogenität der Lerngruppe Rechnung. Die Ergebnisse jeder Station werden auf einem großen Puzzleteil festgehalten. Das Gesamtbild ergibt schließlich die Senfstaude und steht symbolisch für das gemeinsame Arbeiten an einem Lerninhalt. Alle Projektteilnehmer spüren hier, dass ein glaubwürdiges Miteinander nur dort sein kann, wo man gemeinsam ein Ziel erreicht und keiner auf der Strecke bleibt. Der Herausforderung, vor einem großen Plenum Ergebnisse zu präsentieren, stellen sich Schülerinnen und Schüler beider Schularten. Eine wichtige Erfahrung!

Besonderer Beliebtheit erfreute sich bei beiden Lerngruppen das darstellende Spiel, bei dem manch ein Schüler innere Hemmschwellen überwand, in eine Rolle hineinfand und über sich selbst hinauswuchs. Ein Standbild ging in ein szenisches Spiel über. Sieben Gruppen spielten die sieben Szenen eines Gleichnisses, so dass sich daraus fließend die vollständige Handlung ergab.

 

Wer den Bauplan der Förderschule in Holzgerlingen studiert, könnte glauben, dass die Architektur von der Idee der Inklusion getragen sei, ein kleineres Schulgebäude - eingeschlossen von den Gebäuden der Grund-, Haupt- und Realschule – lange bevor eine UN - Konvention ratifiziert wurde. Sollte diese Idee aber Gestalt gewinnen, müssten sich noch viele Türen öffnen…

 

Für die Kooperation von Förderschule und Gymnasium gibt es demgegenüber vergleichsweise bereits viele Beispiele. Bei den Schülern beider Schularten handelt es sich um ideale Lernpartner, da sie beide gleichermaßen von dieser Partnerschaft profitieren und der Reiz in der Verschiedenheit liegt. Für Schülerinnen und Schüler der Förderschule bietet der außerschulische Bildungsraum Gymnasium weitere Möglichkeiten der sozialen Integration und des Partizipierens am Gemeinwesen. Es werden Gelegenheiten für sie geschaffen, ihr individuelles Potential unter anderen Rahmenbedingungen zu entfalten und prägende persönlichkeitsbildende, selbstbildstärkende Erfahrungen zu sammeln. Soziale Kompetenzen erwerben in dieser Konstellation Schülerinnen und Schüler beider Schularten. Gymnasiasten erleben Lernen lernen als wirkliches Handlungsfeld. Sie begleiten verantwortungsvoll die Lernprozesse anderer und lernen durch Lehren. Außerdem führt Binnendifferenzierung vermehrt zu selbständigem Arbeiten. Dass in heterogenen Gruppen beim Lernen die weitaus größeren Erfolge erzielt werden, ist wissenschaftlich längst belegt. Auch Hochbegabte profitieren von dieser Gruppenkonstellation. Im Schulalltag wird dieser Erkenntnis jedoch weniger Rechnung getragen.

 

Nach dem Kooperationsprojekt der Heinrich–Harpprecht–Schule und des SGH kann aber das Fazit gezogen werden: Es hat sich gelohnt! Und es kann der Ausblick gewagt werden, dass aus dieser Lernbegegnung weitere Begegnungen werden könnten: Lern-Workshops, Hausaufgabenbetreuung, außerunterrichtliche Unternehmungen, Theater und gemeinsame (kreative) Projekte.

 

Daniela Meßner

 

Dieses Projekt ist enwickelt worden nach einer Vorbereitungswoche am PTZ Birkach unter Leitung von Dr.Wolfhard Schweiker. Ein ähnliche Projekt ist auch schon vom Evangelischen Heidehof-Gymnasium Stuttgart zusammen mit der Berger Schule Stuttgart durchgeführt worden.